Thermomix-Veranstaltung

Sekte oder Drücker?

Von Thorsten Geppert am 27.06.2016, geändert 27.06.2016 (1695 Aufrufe).

Meine Kollegin kaufte sich, nicht lange her, einen Thermomix der Firma Vorwerk, und zwar das aktuelle Modell. Da eine andere Kollegin es ihr gleichtat und immer nur darüber geschwärmt wurde, sah ich mir Videos über das Gerät auf YouTube an und siehe da, ein Display. Könnte interessant sein.

Von den Spezifikationen beeindruckte mich das Gerät aber schon aufgrund des Preises nicht, da mir einige wichtige Dinge doch fehlten. Dazu später mehr.

Nun ergab es sich, das erst genannte Kollegin eine Thermomix-Party, oder besser, eine Thermomix-Kauf-Veranstaltung, gab und noch Leute brauchte. Ich hatte zwar nicht die Absicht, eine solche Maschine zu erwerben, doch dachte, man kann sie sich einmal ansehen und dann immer noch überlegen, ob man doch ein solches Gerät haben möchte. Ich nahm die Einladung zur Party an und meine Frau, mein Sohn und ich gingen hin.

Es war eine gesellige Runde im Wohnküchesszimmer meiner Kollegin und eine Angestellte der Firma Vorwerk stellte sich und das Gerät vor.

Es begann mit dem Ausfüllen eines Fragebogens, und ab hier wurde ich skeptisch, denn das erste, was man ausfüllen musste, war der Name, die Adresse sowie die Kontaktdaten Telefon und E-Mail. All das füllte ich zuerst nicht aus.

Dann musste man angeben, was einem am Kochen stört. Ich füllte das aus, war wohl als erster fertig und sah mich um. Die Vorwerkmitarbeiterin hielt mich wohl für zu blöd zum Ausfüllen und bat an, dass sie das mit mir gemeinsam machen wolle. Ich schlug die Hilfe aus und sagte, ich sei schon fertig. Wir mussten dann alle unsere Entscheidungen den anderen mitteilen und es war anscheinend kurios für die Dame, dass mich weder das Schnibbeln von Gemüse, das Einräumen in die Spülmaschine und was weiss ich stört. Als Mensch in Vollzeitarbeit muss das Kochen nur schnell gehen und das Essen lecker sein.

Dann ging es weiter, und zwar ans Eingemachte … bzw. ans Brötchen backen. Wer einmal Aussagen dazu gehört hat, dass man mit der Maschine Brötchen oder Brot backen kann, das stimmt nicht, da das Gerät nicht über eine Backeinheit verfügt. Was es sehr wohl machen kann, ist den Teig herzustellen. Das beginnt bereits beim Mahlen von Mehl bishin zum Kneten des Teigs.

Die Dame sagte zwar, dass das Mehlmahlen sehr laut wird, dass es aber so extrem werden sollte, dass mein 2,5 Monate alter Sohn anfing einen Schreikrampf zu bekommen und auch mir die Ohren sehr weh taten, damit rechnete ich nicht. Das Geräusch war so dermaßen unangenehm, dass ich mich verdrückte und meine Ohren zuhielt. Dennoch muss ich sagen, dass die Maschine das Mehl gut und in kurzer Zeit gemahlen hat. Allerdings befürchte ich, dass es zu Hörschäden kommen kann. Dann kam noch Hefe rein und vielleicht irgendwas anderes, ich kurrierte noch meine Ohren aus, und am Ende war der Teig fertig. Hier hört dann die Wundermaschine auch auf. Der Teig muss händisch zu Brötchen geformt und in einem handeslüblichen Backofen gebacken werden. Ich glaube, ich habe es mir da schon mit der Dame verspielt, da ich fragte, ob standardmäßig zur Maschine ein Gehörschutz geliefert wird.

Dann ging es an die Nachspeise (vor der Vorspeise und dem Hauptgericht), dem Eis. Dazu wird Zucker mittels der Maschine in Puderzucker gewandelt und ich muss sagen, dass das Geräusch des sicher sehr starken Motors auch auf niedriger Stufe für mich so unangenehm ist, dass es mir in den Ohren weh tat und auch mein Sohn war alles andere als begeistert. Sie schmiss noch gefrorene Erdbeeren und Sahne in das Gerät, vermixte alles und heraus kam ein Fruchteis, welches vor allem ein kleines Mädchen, das auch zu Besuch war, erfreute. Sie konnte nicht genug davon bekommen.

Dann ging es an den Aufstrich für die Brötchen und ich glaube, hier wurde dann zum ersten Mal die Guided Cook Function genutzt. Ein System, welches im Display anzeigt, wann man welche Zutat zugeben muss und wann man den Deckel schließen muss und wann man … naja, Kochen für Dumme halt. Man wirft, wie ein gehirnloser Zombie, die Zutaten so in das Gerät, wie es das möchte, drückt auf „Weiter“ und befolgt den nächsten Schritt. Meine Frau probierte es aus und meinte, dass trotz der eingebauten Waage und der damit technisch sicheren Erkennung, ob die beziehungsweise natürlich irgendeine Zutat auch zugegeben wurde, das Gerät nicht bemerkte, dass dies nicht geschah. Zumindest eine Warnmeldung hätte aufgehen können.

Weiterhin wurde noch ein Rohkostsalat gemacht, der in kleine Stücke gehächselt wurde. Alles nicht schön anzusehen, aber den Leuten bis auf meiner Frau schmeckte es wohl. Ich konnte aus verschiedenen Gründen die bisherigen Ergebnisse bis auf das Eis nicht kosten.

Zu guter Letzt ging es noch ans Hauptgericht, auf das ich mich freute. Dazu wurde auch die Dampfgarfunktion genutzt. Es gab Reis mit Kartoffeln, Gemüse (Kohlrabi, Möhren, Zucchini, Paprika) und eine Sauce, die im zweiten Schritt gemacht wurde. Auch hier wurde wieder die „Mach-wie-ich(Thermomix)-will“-Funktion genutzt.

Was kam heraus? Rohes Zeug. Die Kartoffeln waren nicht gar, der Reis war nicht gar und das Gemüse war es auch nicht. Die anderen Gäste fanden das nicht schlimm, eine Dame meinte sogar, dass Sie nicht im Stande wäre, sowas selbst zu kochen (?!), aber das ganze Essen hätte noch ein paar Minuten länger im Gerät bleiben müssen. Im Restaurant wäre das Essen sofort zurückgegangen. Einer meinte, er möge den Reis „knusprig“.

Dann ging es an die Befragung. Wir mussten auch zwischendurch immer was im Fragebogen ausfüllen, dann wurden wir gefragt, wie das Essen denn so war. Ich war als letzter dran. Alle fanden es gut, ich allerdings fing dann an. Als ich sagte, dass das Essen nicht gar war und es hätte noch drei, vielleicht vier Minuten länger drin bleiben müssen, fing der Rambazamba an. Ich wollte wissen, ob ich Rezepte manipulieren kann. Denn es kann schon rein logisch nicht möglich sein, feste Garzeiten für naturgewachsene Lebensmittel zu definieren, die nunmal oftmals unterschiedlich garen müssen. Dies wurde verneint und sei auch nicht gewünscht, da Vorwerk vorsehe, dass für den ausgewählten Reis nunmal diese Garzeiten vorgegeben wären. Als ich sagte, dass dies ja nichts bringt, wenn das Zeug dann dennoch roh herauskommt, wurde ich bemängelt und darauf bestanden, dass Vorwerk das so mache. Wenn es mir nicht gefiele, was sie sich nicht vorstellen konnte, solle ich doch die Einstellungen händisch anpassen. Als ich fragte, ob man das nicht generell abändern könne, wurde dies verneint, denn das bräuchte keiner. Als ich meinte, die Maschine holt man sich ja extra, um eben nicht dabei zu stehen und laufend selbst Hand anzulegen, denn dann könnte ich auch einfach „am Herd“ kochen, wurde darauf schon nicht mehr richtig eingegangen, sondern mit „Wenn Sie meinen.“ abgetan.

Die Stimmung der Dame war mittlerweile mir gegenüber sehr unangenehm geworden. Dann stellte sie weitere Dinge vor, doch ich nahm es mir nicht, Fragen zu stellen. Beispielsweise, wie lange Garantie Vorwerk auf das Gerät gibt. Sie log und stammelte „zwei Jahre“. Als ich dann nachhakte, ob es denn wirklich Garantie oder lediglich Gewährleistung ist, gab Sie zu, dass das Gerät nur die gesetzliche Gewährleistung hätte, was bedeutet, dass nach sechs Monaten die Beweislast bei Schäden auf den Kunden übergeht und dieser wahrscheinlich bei Defekten im Regen stehen gelassen wird. Ich kommentiert dies natürlich damit, dass ich es komisch finde, dass Vorwerk so wenig Vertrauen in seine Produkte hat, dies wurde aber auch nicht weiter kommentiert.

Sie sei auch nicht da, um mit mir über Konkurrenzprodukte zu disktutieren, da ich einwarf, was das Gerät denn jetzt von Mitbewerbern wie Kenwood abhebe. Sie wisse da nichts, da sie nur mit dem Thermomix arbeite. Auch sei sie nicht anwesend, um mit mir über fehlende Features zu diskutieren, da ich fragte, ob man eigene Rezepte auf das Gerät programmieren könnte, was nicht geht. W-LAN hat das Gerät ebenfalls nicht und man benötigt für diese Funktionen einen teuren Chip (mit Buch wohl 49,00 Euro). Will man backen, benötigt man das Backbuch (was hier im Supersonderangebot mit dabei war), aber auch noch den Backchip, der mit 49,00 Euro zu Buche schlägt.

Auf meine Frage, ob ich denn Rabat bei Mehrabnahme bekäme, denn als es um die Lieferzeiten ging, sagte ich, dass diese wohl laut Hörensagen bis zu sechs Wochen betrugen, münzte sie das um, dass ich ihr sechs Geräte abnehmen wolle. Ich würde dann ein siebtes kostenlos dazu bekommen. Ich meinte dann, prima, das mache ich, wenn ich alle sieben dann für ein paar Euro weniger bei eBay verkaufe, mache ich dennoch Gewinn. Sie sagte aber, das wird Vorwerk nicht machen. Ich darf selbst nur eine Maschine kaufen, ich bräuchte also fünf weitere Personen, auf die ich die Maschinen kaufen muss und ich muss einen Vorwerkvertrag unterschreiben, dass ich die Geräte nicht verkaufe.

Weiterhin sprach die Dame dann von der „Gelinggarantie“. Da musste ich natürlich nachhaken, was das denn sei. Es ist, wie sich vermuten lässt, die Garantie, dass Gerichte, die von Vorwerk vorgegeben werden, auch gelingen. Sprich, es brennt nichts an, es schmeckt, alles passt. Ich fragte, was denn sei, wenn es nicht gelingen würde. Sie meinte, das gäbe es nicht. Ich meinte, wenn doch (Letztlich ist das Hauptgericht ja nichts geworden)? Was bekomme ich dann? Oder sei dies nur ein Marketingspruch? Es wäre keiner, aber sagen, was man als Schadensersatz erhält, konnte sie nicht.

Die Frage, ob der Topf heiß wird und man sich somit verbrennen könnte, wurde letztlich damit abgetan, man solle halt aufpassen (in Bezug auf mein Kind fragte ich das, was geistesgegenwärtig von einer Mitbeobachterin folgend relativiert wurde: „Dein Kind betrifft das ja wohl nicht, das dauert ja wohl noch.“ und „Musst du halt aufpassen.“ und „Du lässt dein Kind ja wohl nicht allein.“ - Ja, natürlich nicht, aber kann doch mal passieren. Sie hatte ihren Sohn übrigens nicht unter Dauerbeobachtung.). Ich sagte, jaja, zeigt ja auch mit roten LEDs an, dass es heiß ist. Auf mein Argument, dass es auch Backöfen mit Systemen gibt, bei denen man sich beim Anfassen nicht verbrennt, wurde auch nicht mehr eingegangen. Wenn ich normal kochen würde, müsse ich ja auch aufpassen. Ich meinte zwar, dass diese Maschine ja eben genau dieses Problem lösen solle, aber auch das wurde abgetan.

Dann kam der Hammer. Meine Gastgeberin sollte ein Geschenk erhalten, und zwar das Backbuch. Sie wurde auch als erste nach vorne gerufen, um es in Empfang zu nehmen, da war ich aber abgelenkt. Kurz später fiel der Dame auf, dass ich noch nicht meine Adresse angegeben hätte auf dem Fragebogen und wenn ich das nicht täte, würde meine Kollegin ihr Geschenk nicht erhalten. Ich meinte dann, sie hat das doch gerade bekommen, aber dies verneinte die Dame. Es wäre aber meine Entscheidung, ob meine Kollegin das Buch bekommen solle oder nicht. Das empfinde ich als Erpressung und völlig daneben, zusätzlich ist es eine Unverschämtheit und es werden Daten gesammelt. Ich seufzte und gab einen falschen Namen, eine falsche Adresse, eine falsche Telefonnummer sowie eine falsche E-Mail-Adresse an, damit meine Kollegin das Buch erhält.

Ich finde, das Vorgehen von Vorwerk geht am guten Geschmack vorbei. Die Vertreterin wirkte unfreundlich, überfordert, konnte nicht auf Fragen eingehen, war unverschämt und hat mich auch noch erpresst. Sie konnte die Maschine nicht vernünftig bewerben, da sie entweder Konkurrenzprodukte nicht kennt oder diese besser sind und sie Angst hat, dass die Leute lieber diese kaufen und bis auf „die Maschine ist toll, ich habe die schon seit Oktober 2014“ konnte sie nicht viel mehr dazu sagen, als ich fragte, warum denn meine beiden Kollegen schon ihre neuen Maschinen einsenden mussten, da diese defekt gingen.

Als hätte sie den Schuss nicht gehört, fragte sie mich allen Ernstes am Ende, ob ich denn jetzt Interesse an der Maschine hätte. Nein, das Gerät ist schlecht, wahrscheinlich nicht von der Mechanik, aber von den für mich benötigten Features. Dabei ist es viel zu teuer und es scheint in einer sektenartigen Korrelation zwischen Vorwerk und mir zu enden. Interessant zu wissen ist nämlich, dass eine solche Maschine nicht einfach bestellt und genutzt werden kann, sondern es kommt immer ein Vorwerkmitarbeiter vorbei, der einen in das Gerät noch einmal einweist. Ob das nötig ist oder nicht. Mich würde interessieren, warum dies so ist. Werden Erhebungen über das Umfeld gemacht (wie wohnt der jenige, hat er Geld, kann man im Umfeld noch mehr absetzen, braucht er einen Sauger)? Wird indoktriniert oder wird sogar mit den mir bekannten Erpressermethoden versucht, schlechte mündliche Propaganda zu unterdrücken? Ich weiss es nicht und da mir das Unternehmen jetzt völlig suspekt vorkommt, würde ich generell da nichts kaufen oder auch nur einen Mitarbeiter in mein Haus lassen.

Spannend war auch, dass die Vorwerkmitarbeiterin die Leute für dumm hält. Als Aussage kam bei den Brötchen, dass diese nur 80 Cent gekostet hätten. Ich würde mal sagen, es waren vielleicht zehn Brötchen, die dabei herauskamen, sprich 8 Cent pro Brötchen. Dass aber noch die Maschine mit 1.200 Euro und der Strom und die Arbeitszeit eingerechnet werden muss, verschwieg sie natürlich.

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